Forschungsfeld 09 · Ritueller Raum

Politische Emotionen und körperliche Reflexion

Zwischen Wissen und Handeln liegt der Körper. Wut, Trauer, Hoffnung und Erschöpfung sind persönliche Erfahrungen und politische Kräfte zugleich.

Viele Menschen wissen um Krieg, Klimakrise, demokratische Erschöpfung, soziale Spaltung und Ohnmacht - und kommen doch nur schwer ins Handeln. Zwischen Einsicht und Tun liegen Affekte, die sich argumentativ kaum auflösen lassen: Angst, Scham, Verantwortungskonflikte, Wut, Trauer, Leere, Hoffnung, Erschöpfung.

Dazu kommt eine gesellschaftliche Beobachtung: Viele Erfahrungen politischer Überforderung werden vereinzelt erlebt. Digitale Daueraufmerksamkeit, Social-Media-Logiken, Informationsflut und öffentliche Empörung erzeugen oft Resonanzlosigkeit. Körper bleiben in Kontraktion, Gefühle kreisen, Lebendigkeit findet keinen gemeinsamen Raum.

Re_Connection entsteht aus dieser Bestandsaufnahme heraus: als Versuch, kollektive Resonanzräume zu bilden, in denen politische Emotionen körperlich wahrgenommen, geteilt und in Beziehung gebracht werden können.

Zentrale Forschungsfrage

Wie lässt sich mit starken Affekten arbeiten, ohne sie bloß zu entladen oder ins Private zu verschieben?

Die Arbeitsthese lautet: Politische Emotionen entstehen in gesellschaftlichen Verhältnissen, werden im Körper getragen und können kollektiv gerahmt werden. Körperliche Reflexion bedeutet, dass Denken, Spüren, Bewegen, Zeugenschaft und Sprechen zusammengehören.

Re_Connection als Forschungslabor

Dieses Feld wird vor allem in Re_Connection erprobt — einer kollektiven Forschungs- und Praxisgruppe. Re_Connection wird gemeinsam mit Susanne Gärtner aus der politischen Bildung und Carolina Márquez aus Tanztherapie und Psychologie entwickelt. Arystan Petzolds Beitrag liegt in der thematisch-philosophischen Mitstrukturierung, der musikalischen Rahmung, der nonverbalen Interaktion und in Fragen aus der Forschung zum rituellen Raum — gestützt auf Erfahrung aus Ritualforschung, Performance, Theater, Konzerten und Workshops.

Re_Connection verbindet Live-Musik, Körperwahrnehmung, Bewegung, Kreis, Sprache, politische Themen, künstlerische Rahmung, Schwelle und Rückführung. Die Rollen sind dabei bewusst verteilt: Klang und Dramaturgie, Körperarbeit und Regulation, politische Rahmung und Reflexion liegen bei mehreren Personen. Das ist Teil der Ethik des Formats. Re_Connection ist ein Anwendungs- und Reflexionsfeld innerhalb eines größeren Forschungszusammenhangs.

Affektfelder
  • Wut, Angst, Scham und Verantwortungskonflikte
  • Trauer, Ohnmacht und Leere
  • Hoffnung, Verbundenheit und Erschöpfung
Arbeitsprinzipien
  • Dosieren und orientieren
  • Zeugenschaft ermöglichen
  • Affekte in Bewegung übersetzen
  • Rückführung sichern

Womit Re_Connection arbeitet

Re_Connection arbeitet mit politischen Emotionen über Körper, Gruppe, Sprache, Stille und Klang: mit Konflikt, Trauer, Wut, Angst, Ohnmacht, Solidarität, Hoffnung, Aktivierung und Integration. Einzelne Affekte werden in einem gemeinsamen Verlauf wahrnehmbar und haltbar gemacht.

Wut ist dafür ein anspruchsvolles Beispiel: Sie kann eine präzise Wahrnehmung von Unrecht sein, ebenso aber eskalieren, privatisieren oder moralisieren. Ein verbreiteter Katharsisgedanke greift zu kurz; bloßes Ausleben von Aggression schafft oft neue Erregung statt Klärung. Wichtiger ist, welche Form ein Affekt bekommt: ob er dosiert, in Zeugenschaft gehalten und in geteilte Bewegung übersetzt wird. Somatische Arbeitsbegriffe wie Window of Tolerance, Titration oder Pendulation werden dabei vorsichtig genutzt.

Reflexion aus körperlicher Erfahrung

Körperliche Reflexion bleibt nah an der Erfahrung. Sie fragt: Was hat mein Körper gewusst? Was hat die Gruppe gehalten? Wo wurde Intensität zu viel? Wo entstand Handlungsspielraum? Und wie kommt eine Erfahrung in Alltag, Beziehung und politische Verantwortung zurück?

Leere, Kollaps, Trauer und Erschöpfung können selbst Schwellenzustände sein. Sie zeigen oft, dass ein Körper eine andere Form von Handlung, Ruhe oder Beziehung braucht. Re_Connection sucht dafür einen Resonanzraum, in dem Kontraktion, Bewegung, Stille und Sprache zusammenkommen.

Quellenlage

  • Eigene Forschung: Arbeits- und Forschungsmaterial Reconnection 2024–2026; künstlerische Praxis mit Live-Musik, Körperarbeit, Kreis und Reflexion.
  • Politische Emotionen: Joanna Macy und Molly Young Brown: Coming Back to Life, 1998; Joanna Macy und Chris Johnstone: Active Hope, 2012; Martha C. Nussbaum: Political Emotions, 2013; Audre Lorde: Sister Outsider, 1984; Myisha Cherry: The Case for Rage, 2021.
  • Körper, Erschöpfung und Affektregulation: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft, 2010; Hartmut Rosa: Resonanz, 2016; Daniel J. Siegel zum Window of Tolerance; Peter A. Levine zu Titration und Pendulation; Brad J. Bushman u. a. zur Kritik am Katharsis-Modell aggressiver Entladung.

Offener Forschungsstand

Offen ist die ehrliche Frage der Wirkung: Wie lässt sich beschreiben und dokumentieren, was solche Räume bewirken, ohne in Wirksamkeitsbehauptungen zu kippen? Praxisprotokolle, längere Rückmeldungen und eine klare Trennung zwischen Bildungsarbeit, künstlerischer Forschung und Therapie sind hier die nächsten Schritte.